{"id":70,"date":"2022-12-01T17:31:27","date_gmt":"2022-12-01T17:31:27","guid":{"rendered":"https:\/\/hans-kindermann.de\/?page_id=70"},"modified":"2023-06-21T08:48:49","modified_gmt":"2023-06-21T06:48:49","slug":"vorbemerkung","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.hans-kindermann.de\/?page_id=70","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.hans-kindermann.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bvg-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-132\" width=\"551\" height=\"408\" srcset=\"http:\/\/www.hans-kindermann.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bvg-1.jpg 734w, http:\/\/www.hans-kindermann.de\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/bvg-1-300x222.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 551px) 100vw, 551px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Bundesarchiv, B 145 Bild-F083310-0005 \/ Schaack, Lothar \/ CC-BY-SA 3.0<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns are-vertically-aligned-top is-style-default is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top has-small-font-size is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"padding-top:0;padding-right:0;padding-bottom:0;padding-left:0;flex-basis:75%\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Hauptwerk des Bildhauers Hans Kindermann (1911-1997) geh\u00f6rt zu den meistbeachteten Kunstwerken in Deutschland. Wann immer die Richter des Bundesverfassungsgerichts (BVG) in Karlsruhe eine wichtige Entscheidung verk\u00fcnden, sind die Blicke im gro\u00dfen Sitzungssaal des h\u00f6chsten Gerichts auch auf das Staatssymbol der Bundesrepublik Deutschland an der Wand hinter dem Verhandlungstisch gerichtet. Das knapp zwei Meter hohe Holzrelief mit dem Wappentier ist durch Fernseh- und Pressebilder geradezu popul\u00e4r. Hans Kindermann ist der Sch\u00f6pfer des \u201eAdlers\u201c, 1969. Der K\u00fcnstler jedoch ist weit weniger bekannt als das von ihm geschaffene Werk.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWerk im Schatten des Adlers\u201c betitelte Michael H\u00fcbl seinen Bericht \u00fcber eine Ausstellung mit sp\u00e4ten Arbeiten Hans Kindermanns anl\u00e4sslich dessen 85. Geburtstags in der Staatlichen Akademie der Bildenden K\u00fcnste Karlsruhe, wo dieser von 1957 bis 1977 als Professor f\u00fcr Bildhauerei und von 1963 bis 1971 zus\u00e4tzlich als Rektor wirkte.&nbsp;Dies klingt wie das Res\u00fcmee eines \u0152uvres, das gr\u00f6\u00dftenteils abseits des \u00f6ffentlichen Interesses stand. Tats\u00e4chlich konnte der Bildhauer \u2013 abgesehen von jener Werkschau in der Akademie \u2013 zeitlebens auf keine Einzelausstellung verweisen. Es lag kein monografischer Band vor und in den \u00dcberblickswerken zur Plastik des 20. Jahrhunderts fehlte sein Name.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dennoch befand sich Kindermann im Einflussbereich namhafter K\u00fcnstler und erfuhr \u00f6ffentliche Wertsch\u00e4tzung. Er geh\u00f6rte als einziger Bildhauer zu den Repr\u00e4sentanten der H\u00f6ri-K\u00fcnstler w\u00e4hrend und nach dem Zweiten Weltkrieg und z\u00e4hlte damit zu den Weggef\u00e4hrten etwa von Erich Heckel (1883-1970) und Otto Dix (1891-1969). Er repr\u00e4sentierte 1958 auf der Weltausstellung in Br\u00fcssel mit seiner Brunnengestaltung f\u00fcr den Deutschen Pavillon die moderne Plastik in der Bundesrepublik Deutschland und positionierte sich damit neben zwei der bekanntesten Bildhauer der Zeit, Bernhard Heiliger (1915-1995) und Fritz Koenig (1924-2017). 1968 erhielt er schlie\u00dflich den Auftrag, das erw\u00e4hnte Wappentier der Bundesrepublik f\u00fcr den Neubau des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe zu gestalten. Der \u201eAdler\u201c, das fig\u00fcrliche Motiv, best\u00e4tigte \u2013 trotz abstrahierender Gestaltungselemente \u2013 einmal mehr die Wahrnehmung Hans Kindermanns als fig\u00fcrlich arbeitenden Bildhauer, eine Kategorisierung, gegen die sich der K\u00fcnstler selbst nicht wandte und die er mit seinem Sp\u00e4twerk best\u00e4tigte. Die Figuration manifestierte sich in der Kunst des 20. Jahrhunderts im Gegensatz zum abstrahierenden, nicht abbildenden k\u00fcnstlerischen Verfahren.&nbsp;Die Kategorisierungen als Ausdruck f\u00fcr ein \u201eKunstwollen\u201c gehen auf Wilhelm Worringers \u00dcbertragung des der Philosophie entstammenden Terminus auf die Kunst (\u201eAbstraktion und Einf\u00fchlung\u201c, 1908) zur\u00fcck. Worringer definierte, \u201eAbstraktion\u201c sei der \u201e\u00dcbergang von der sinnlichen zur begrifflich theoretischen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und zugleich das Resultat dieses Prozesses\u201c.&nbsp;Die Popularisierung des Abstraktions- Begriffs f\u00fchrte zur Deutung, Abstraktion stehe in Korrelation zur komplexen moder- nen Welt, die sich der Sichtbarkeit entziehe.4&nbsp;In der Konsequenz wurde \u201edie Abstraktion\u201c nach dem Zweiten Weltkrieg zum Synonym f\u00fcr die als \u201efrei\u201c erachtete Kunst des Westens. Abstraktion war gleichgesetzt mit der Abkehr vom Naturvorbild.5&nbsp;Die ideo- logisierte Zweiteilung der Kunst lie\u00df die weiter fig\u00fcrlich arbeitenden K\u00fcnstler ab den 1950er-Jahren als r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt erscheinen. Folglich waren sie im Kunstbetrieb weniger gefragt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Betrachtungsweise verfestigte sich \u2013 auch in der Einsch\u00e4tzung des Werks von Hans Kindermann. Tats\u00e4chlich umfasst auch der k\u00fcnstlerische Nachlass, der im ehe- maligen Atelier des einstigen Dorfschulhauses im s\u00fcdpf\u00e4lzischen Gleishorbach nahezu geschlossen erhalten ist, mehr figurative als nicht-figurative Werke. Er besteht aus nach 1944 mit der \u00dcbersiedlung an den Bodensee entstandenen Arbeiten, zahl- reichen Bildnisb\u00fcsten, Figurenbildnissen und einigen Reliefs. Doch zwischen diesen finden sich auch einige abstrakte Werke, etwa ein gro\u00dfes bogenartiges Formgebilde in einer Gips- wie Bronzefassung. Im Au\u00dfenbereich des Kindermann-Ateliers, an den W\u00e4nden des Anwesens, sind vier gro\u00dfformatige Relieftafeln mit schwierig deutbaren, organischen und amorphen Formgebilden angebracht. Schon dieser Bestand macht deutlich: Hans Kindermann war nicht ausnahmslos ein gegenst\u00e4ndlich arbeitender Bildhauer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polarit\u00e4t von Abstraktion und Figuration bildete das k\u00fcnstlerische Spannungsfeld nach 1945, in dem nach der Unterbrechung seines Werkes durch den Zweiten Welt- krieg der Bildhauer seine Orientierung finden musste. Er geh\u00f6rte nicht zu den Vorkriegsk\u00fcnstlern, die sich w\u00e4hrend ihres k\u00fcnstlerischen Reifeprozesses mit tradierten oder aber avantgardistischen Ausdrucksm\u00f6glichkeiten auseinandersetzten und auf ein bestehendes Werk verweisen konnten, das es weiterzuf\u00fchren galt. Er z\u00e4hlte je- doch auch nicht zu den nur wenig sp\u00e4ter Geborenen, die sich \u2013 nach den Jahren des NS-Machtmissbrauchs \u2013 angesichts der Vielfalt bildnerischer M\u00f6glichkeiten ihren pers\u00f6nlichen Weg suchen konnten. Hans Kindermann und seine Altersgenossen geh\u00f6rten jener sogenannten \u201everschollenen\u201c Generation an, von der Rainer Zimmermann in Bezug auf die Maler jener Zeit spricht: Sie haben zwei Weltkriege erlebt, drei politische Systeme und viele von ihnen drei k\u00fcnstlerische Paradigmenwechsel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was lag dieser Stilpluralit\u00e4t im Werk Hans Kindermanns zugrunde, an deren Ende ein k\u00fcnstlerisches Bekenntnis zur figurativen Bildhauerei stand? Diese Fragestellung im Kontext der Plastik des 20. Jahrhunderts zu kl\u00e4ren, ist Ziel dieser Arbeit.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Hauptwerk des Bildhauers Hans Kindermann (1911-1997) geh\u00f6rt zu den meistbeachteten Kunstwerken in Deutschland. 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