{"id":235,"date":"2023-05-20T14:06:39","date_gmt":"2023-05-20T12:06:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hans-kindermann.de\/?p=235"},"modified":"2025-02-28T18:12:00","modified_gmt":"2025-02-28T17:12:00","slug":"adler-relief-1969-oer022","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.hans-kindermann.de\/?p=235","title":{"rendered":"Adler-Relief, 1969 (\u00d6R022)"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Rahmen eines beschr\u00e4nkten Wettbewerbs des Finanzministeriums der Bundesrepublik Deutschland wurde der Entwurf von Hans Kindermann als Hoheitszeichen f\u00fcr den Sitzungssaal des Neubaus des Bundesverfassungsgerichts ausgew\u00e4hlt.<br>Er besch\u00e4ftigte sich bei der Werkgenese \u2013 das beweisen Zeichnungen, Fotografien und Ausschnitte von gedruckten Darstellungen \u2013 zuallererst mit dem Naturstudium. Er fotografierte in einer zoologischen Anlage Raubv\u00f6gel und studierte deren Fl\u00fcgelhaltung sowie deren Positionierung in Ruhestellung. Er fertigte erstmals in seinem grafischen Werk nachweisbar Tierzeichnungen an, oft fl\u00fcchtige Skizzen, die die Kopf- und Schnabelform fokussierten.<br>Es existieren zwei Gipsentw\u00fcrfe des \u201eAdlers\u201c. Der eine zeichnet sich durch gespannte Fl\u00fcgel aus, die einen runden Umriss zeigen. Die Figur des Vogels erhebt sich als Hochrelief aus einer Basis heraus, die an den unteren und oberen Fl\u00fcgelenden rechts und links durchbrochen ist. Angelegt ist in dem Entwurf bereits eine bewegte Gestaltung der Oberfl\u00e4che, aus der sich der K\u00f6rper des Vogels und die Schwingen herausbilden. <br>Die zweite Version des Entwurfs ist weit klarer ausgearbeitet und l\u00e4sst eine quadratische Basis des Reliefs erkennen. Sie schafft den Untergrund, aus dem sich der Adler aufbaut. Die Fl\u00fcgel sind nur leicht ge\u00f6ffnet, keinesfalls ausgebreitet. Sie erzeugen einen deutlich sichtbaren Negativraum, der die K\u00f6rperformen des Vogels umf\u00e4ngt. Die Fl\u00fcgelspitzen zeigen nicht nach oben, sondern nach unten. Nach vorne tritt das \u00c4u\u00dfere des Federkleids mit der Betonung der Vertikalen \u2013 gleich einem geschlossenen Fl\u00fcgelaltar. Der Kopf und die h\u00f6chsten Punkte der Fl\u00fcgel, die Gelenkstellen, \u00fcberragen die quadratische Basis, so dass das Werk an die formale Grenze des Reliefs hin zur Ganzfigur st\u00f6\u00dft.<br>Hans Kindermann entschied sich f\u00fcr die Fassung mit den nahezu geschlossenen Fl\u00fcgeln&nbsp;als Modell f\u00fcr den Kunstwettbewerb und distanzierte sich damit schon in der motivischen Anlage von der tradierten Darstellungsweise, etwa von Ludwig Gies (1887-1966)  im Bonner Plenarsaal. Der \u201eAdler\u201c schwebt nicht in einem unbestimmten Raum mit gespreizten Beinen, die das Schwanzgefieder sichtbar machen, sondern ruht in einer Art vorbereitenden oder abwartenden Haltung. <br>Zur Umsetzung w\u00e4hlte der K\u00fcnstler Holz. Grundlage der Verwirklichung war ein Arbeitsmodell aus Gips, das der H\u00e4lfte der Originalgr\u00f6\u00dfe entsprach. Es ist nicht mehr erhalten. Danach bearbeitete der K\u00fcnstler einen verleimten, nahezu quadratischen Holzblock aus r\u00f6tlicher Oregon-Pinie, die auf das Interieur des holzverkleideten Sitzungssaales abgestimmt war.<br>Deutlich nach rechts versetzt, an der Stirnwand hinter dem Podium der Richter ange- bracht, ist das Werk Kindermanns \u2013 neben der Bundesfahne \u2013 der einzige Schmuck des Raums, so dass es eine dominierende Position einnimmt. Der Eindruck der Massigkeit des \u201eAdler\u201c-Hochreliefs entsteht ma\u00dfgeblich durch die Bearbeitung des Reliefs in die Tiefe.&nbsp;In der Vorderansicht bildet das Innere der Fl\u00fcgel einen dunklen Hohlraum und den Anschein einer vollplastischen Gestaltung. Die im Ansatz naturalistische Darstellungsweise des Vogelk\u00f6rpers wird durch die grob behauene Struktur der Oberfl\u00e4che gebrochen. Das Hauptmerkmal des \u201eAdlers\u201c von Kindermann ist nicht seine Weite, sondern seine Tiefe, die ein grundlegendes bildhauerisches Kernanliegen ber\u00fchrt, aber auch inhaltliche Bez\u00fcge herstellt. Der \u201eAdler\u201c Kindermanns breitet die Schwingen aus wie die &#8222;Schutzmantelmadonna&#8220; ihr Gewand. <br>Der Bildhauer brach  mit der gel\u00e4ufigen ausgebreiteten Fl\u00fcgelhaltung, die auch das Machtsystem in der Nazi-Zeit benutzt hatte. Die bildhauerische Negativform evoziert das Ausdrucksmoment der Schutzgeste, die im Kontext des Bundeswefassunggerichts der Jurisdiktion auferlegt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-link-color wp-elements-b31388e0d6a49e1cd72ae08e1d8b207d wp-block-paragraph\">Bild: Achim Winkel<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen eines beschr\u00e4nkten Wettbewerbs des Finanzministeriums der Bundesrepublik Deutschland wurde der Entwurf von Hans Kindermann als Hoheitszeichen f\u00fcr den Sitzungssaal des Neubaus des Bundesverfassungsgerichts ausgew\u00e4hlt.Er besch\u00e4ftigte sich bei der Werkgenese \u2013 das beweisen Zeichnungen, Fotografien und Ausschnitte von gedruckten Darstellungen \u2013 zuallererst mit dem Naturstudium. 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